31. August 2002: Carmina Burana
Prenzlauer Zeitung vom 2.9.2002
Trunkene Sinneslust
Musikwochen präsentieren "Carmina Burana" in Prenzlau
von unserem Mitarbeiter Peter Buske
Verflixte Glücksgöttin, launische, wandelbare Herrscherin
der Welt. Wieder einmal hat sie mich genasführt und auf einen
akustisch äußerst ungeeigneten Hörplatz geführt.

Wer in dem riesigen,
nachhallreichen Hallenschiff der Marienkirche zu Prenzlau bei der
Aufführung von Carl Orffs "Carmina Burana" am Sonnabend sich
seinen Sitzplatz statt im vorderen Drittel in hinteren Regionen suchte,
hatte ein Glückslos gezogen. Ich war leider nicht unter den
Glücklichen.
Dennoch singe ich der Göttin Fortuna ein Loblied, die - im Rahmen
der Uckermärkischen Musikwochen - eine Schar ausgezeichneter
Sachwalter zu ihrem singenden und klingenden Eigenlob versammeln konnte.
Unter Leitung des in Prenzlau bestens bekannten Dirigenten Michael
Güttler deuteten sie die lateinische, von französischen und
mittelhochdeutschen Abschnitten durchsetzte Vagantenpoesie als ein Fest
der Lebensfreude, der sinnlichen Lust und der unbekümmerten
Klangfeier. Sie wird vom Chor bestimmt, der aus Sängerinnen und
Sängern des Uckermärkischen Konzertchores sowie des Chores
der Oper im Schloss Stettin (Choreinstudierung: Jürgen Bischof)
gebildet wurde. Diese beeindruckende Klangmasse blieg den Anfangschor
"O Fortuna" nichts an rhythmischer Präzision und Durchschlagskraft
schuldig.
Akustische Falle
Unterstützt vom Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt
führte Güttler die Anruf zügig in die Ekstase - bis nur
noch undifferenzierter Klangbrei zu vernehmen war.
Normalerweise lassen sich in solchen großdimensionierten Kirchen
nur Stücke in mäßig bewegten Tempi spielen.
Güttler widerstand der Versuchung, ob der akustischen
Gegebenheiten alles über einen Dynamikleisten zu schlagen.
Stattdessen ging er das Risiko ein, in den schnellen Abschnitten
feinheitenfrei und klangunterverständlich bleiben zu müssen.
So entstand der Eindruck, der klarstimmige, straff artikulierende und
knapp phrasierenden Chor sei mit dem warmgetönten Orchester
oftmals meilenweit auseinander.
Dafür entschädigten die Solisten, durchweg junge, lyrische
Stimmen. Christiane Libor führte ihren ebenmäßigen und
höhensicheren Sopran sehr souverän in die lieblich
herbeigesungenen Liebesgefilde. Altus Werner Buchin kündete im
anrührenden Klagegesang von den Qualen des gebratenen Schwans. Von
Liebesfreude und Natürerneuerung, dann der Vergänglichkeit
und Nichtigkeit des Lebens, schließlich von minniglichen
Werbungen sang Manuel Wiencke mit barionalem Wohllaut. Den Part des
Kinderchores (im "Liebeshof") übernahmen junge Chorsoprane, den
von sabbernden Lustgreisen ausgesuchten Männerstimmen. Dennoch
wurden alle Mitwirkenden stürmisch gefeiert.
Mit Carmina Burana wächst der Chor über sich hinaus
Viel Lob für Musiker und Helfer hinter den Kulissen
Prenzlau (rk). Ein wahrer Sturm der Begeisterung brach los, als in St.
Marien der letzte Akkord der Orffschen "Carmina Burana" verklungen war.
Bravo-Rufe und 14-minütige Standing Ovations der 886 Zuhörer
- ein größeres Lob hätten sich die 170 Chorsänger,
83 Orchestermusiker, die drei Solisten und Dirigent Michael
Güttler wohl kaum wünschen können. Das im Rahmen der
Uckermärkischen Musikwochen aufgeführte Werk von Carl Orff
war Wagnis und Herausforderung. Seit Anfang des Jahres probte der
Uckermärkische Konzertchor gemeinsam mit zahlreichen
sangesfreudigen Mitstreitern, die an dem Projekt Gefallen fanden. Dass
die Carmina Burana kein Spaziergang würde, beschrieb Jürgen
Bischof, musikalischer Leiter des Uckermärkischen Konzertchores,
bereits zu Beginn der Proben. "Es ist ein Werk, das den Sängern
und Musikern viel abverlangt. Denn es ist geprägt von
Gegensätzlichkeit und unglaublicher Dynamik." Doch Sänger und
Musiker haben die Aufgabe mit Bravour gemeistert.
Gemeinsam mit den Solisten Christiane Libor, Werner Buchin, Manuel
Wiencke, dem Chor der Oper im Schloss Stettin, dem Brandenburgischen
Staatsorchester Frankfurt und unter Leitung des Dirigenten Michael
Güttler gelang es dem Uckermärkischen Konzertchor Prenzlau,
das Publikum rund eine Stunde lang zu fesseln. "Der gesamte Chor ist
über sich selbst hinausgewachsen", lobt ein eher als kritisch
bekannter Chorleiter Jürgen Bischof die Leistung der
Sängerinnen und Sänger. "Auch von Herrn Metzmacher wurden wir
bei den Vorbeireitungen tatkräftig unterstützt", zeigt er
sich dankbar.
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