Gustav Mahler "Auferstehungssinfonie": 28. August 2004
Prenzlauer Zeitung vom 30.08.2004
Ausdrucksreich vorgetragenes Ärztebulletin
Mahlers "Auferstehungssinfonie" in Prenzlau

Prenzlau. Wird er die
vom Komponisten vorgeschriebene Pause von mindestens fünf Minuten
einhalten? Die spannende Frage beantwortet Dirigent Daniel Inbal mit
einer stark verkürzten Zäsur, die den „Allegro maestoso"-Satz
vom' nachfolgenden Andante moderato in Gustav Mahlers monumentaler
Sinfonie Nr. 2 c-Moll "Auferstehung" trennt. Ein durchaus
glaubwürdiges Vorgehen, ohne längeres Verweildauer der
trauermarschbestimmten Totenfeier des Anfangs die ländlerliebliche
Erinnerung an den geliebten Verstorbenen folgen zu lassen. "Warum hast
du gelebt? Warum hast du gelitten?", schreibt Mahler über
seine Sinfonie mit ihrem trivialmetaphysischen Programm von Vergehen
und Auferstehen, Tod und Verklärung. "Wir müssen diese Fragen
auf irgendeine Weise lösen, wenn wir weiterleben sollen."
Seine Antwort gibt er im letzten Satz, wild herausfahrend, mit der
vertonten Klopstock-Ode "Aufersteh'n, ja aufersteh'n wirst du". Ehe es
so weit ist, vergehen lange neunzig Minuten, die der Dirigent bei der
umjubelten Aufführung im Rahmen der Uckermärkischen
Musikwochen am Sonnabend in der ausverkauften Marienkirche zu
Prenzlau jedoch glatt vergessen macht.
Zumal er mit dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt, dem
Uckermärkischen Konzertchor Prenzlau, der polnischen
Sangesgemeinschaft "Collegium Maiorum" (Technische Universität
Stettin) sowie den Solistinnen Yvonne Wiedstruck (Alt) und Nancy
Weißbach (Sopran) versierte Interpreten zur Verfügung hat,
die der rhetorisch prägnanten Partitur ihren Ausdrucksreichtum in
Gänze enthüllen.
Durchsichtiger Klang
Spannungsgeladen breiten sie das Werk aus, das von Anlage und Aussage
her durchaus in den Kirchenraum passt. Den Nachhalltücken begegnen
die Musiker durch einen sehr geschmeidigen, extrem schlanken und
durchsichtig gehaltenen Klang, der selbst bei den gewaltigsten
Aufbäumungen und tränenreichsten Tröstungen nie seine
Konturen verliert. Den Mahlerschen Vortragsbezeichnungen wie "mit
durchaus ernstem und feierlichem Ausdruck" oder "sehr feierlich, aber
schlicht" wissen sie sinnreich zu entsprechen. Ihr plastisches
Musizieren von Symptomen des Sterbens gleicht fast einem
Ärztebulletin - und ist dennoch hinreißend gespieltes
Klangtheater, mit Blechbläsereinsätzen hinter der Szene.
Der wiegenden Ländleridylle kann man sich dabei genauso hingeben
wie Trivialem und Lärmendem im grotesken Scherzo, dem die
Frankfurter Musiker gleichfalls zu faszinierender Wirkung verhelfen.
Ohne Unterbrechung folgt der vom Alt gesungene, textlich kaum zu
verstehende "Urlicht"-Gesang, dessen tröstliche Töne von
weihevollen Posaunenchorälen begleitet werden. Butterweich und
homogen stimmt der Chor den Auferstehungshymnus an, dem der
zunächst lieblich, dann ausladend tönende Solosopran weitere
frohe Botschaften hinzufügt. Die Uckermärkischen Musikwochen
erleben in St. Marien ihren Konzerthöhepunkt.
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