Prenzlauer
Zeitung vom 16.01.2012
„Haben einfach gemacht, nicht lange diskutiert“
Bis zur Wende ist Felicitas Richter als Ingenieurin
für Hochbau tätig. Ihr weiterer beruflicher
Weg verschlägt sie seit dieser Zeit in die
„Kulturarche“, ins Kloster und schließlich ins
Standesamt.
Von Lisa Martin
Prenzlau. Felicitas wird sie eigentlich nur selten
genannt. Wer sie kennt, mit ihr „per Du“ ist, nennt sie
meist Feli oder Flitzi. Vor allem im
Uckermärkischen Konzertchor, dem sie seit Ende der
Siebziger angehört, ist sie unter letzterem Namen
bekannt.
Als der Chor jetzt mit dem Preis der Kreisstadt Prenzlau
ausgezeichnet wurde, stand sie nicht mit auf der
Bühne. Aber das Lächeln, das über
ihr Gesicht huschte, als sie den „Sangesschwestern und
-brüdern“, wie sie sie gern nennt, applaudierte,
war von Freude und einem gewissen Stolz
geprägt. Denn am Erfolg des Ensembles hat auch sie
Anteil. Vergangenes Jahr wurde sie dafür mit der
Medaille der Stadt Prenzlau geehrt.
Den Vereinsvorsitz im Chor hat sie vor einigen
Jahren abgegeben. Das Singen aufzugeben, wäre
für sie aber unvorstellbar. „Irgendwann wurde
dieser ‚Zweitjob‘ zu viel und ich musste für mich
eine Entscheidung treffen. Leicht ist mir dieser
Entschluss nicht gefallen, aber es ist schon ein
gutes Gefühl, zum Chor zu gehen und einfach nur
mitzusingen.“
Ganz bekommt sie das jedoch bis heute nicht hin.
Spätestens zum Verkauf der Karten für die
Weihnachtskonzerte mischt sie bei den formellen
Vereinsobliegenheiten wieder mit und wenn danndie
Besucher in die Nikolaikirche strömen, steht sie
noch immer ganz selbstverständlich mit im
Gang und weist Plätze zu. Sie organisiert und
managt schließlich gern. Das hat sie jahrelang
auch im Dominikanerkloster getan. Sie hat, wie man so
schön sagt, „ein Händchen dafür“,
reibungslose Abläufe zu gewährleisten.
Das braucht sie auch im neuen Job. 2010 wechselte die
langjährige Mitarbeiterin des Klosters (davor
Kulturarche) ins Standesamt der Stadt. „Das war
ein guter Tausch“, blickt sie zurück. Angst vor der
neuen Herausforderung, vor der kompletten Umstellung
hatte sie nicht. „Es ist doch auch mal schön,
nicht bei der Veranstaltungsorganisation mitzuwirken,
sondern selbst im Publikum zu sitzen“, sagt sie. Und
schließlich war dies nicht die erste
berufliche Veränderung.
Den krassesten Bruch erlebte sie nach der Wende, als die
Ingenieurin für Hochbau an der Seite ihrer
damaligen Chefin Ingrid Brun und gemeinsam mit
anderen enthusiastischen Mitstreitern Anfang der 1990er
Jahre begann, die Kulturarche aufzubauen. Bewegte
Zeiten. Alles war im Aufbruch, man konnte
ausprobieren, den Blick in die Welt wagen, Neues
entdecken. Ausstellungen, Lesungen, Konzerte... „Es
hat einfach Spaß gemacht.“ Die Lebendigkeit
dieser Zeit kam ihrem Naturell entgegen. „Wir haben so
viel einfach gemacht und nicht lange darüber
diskutiert.“ Das Dominikanerkloster sollte eine
Weiterführung der Arbeit der Kulturarche bedeuten.
„Von den Möglichkeiten, die das Haus bot, vor allem
vom Kleinkunstsaal und dem Friedgarten, waren wir
begeistert. Da steckte viel Potenzial drin.“ Das wurde
genutzt. Doch es war nicht mehr die Arche. „Zugegeben:
da steckt auch Wehmut in den Erinnerungen. Aber alles
gehört in seine Zeit“, sagt sie heute
rückblickend.
Während sich das Arbeitsumfeld änderte, blieb
eines konstant: die Liebe zur Musik, die Begeisterung
für die Chorarbeit. Denn das, was die rund 90
Sängerinnen und Sänger in ihrer Freizeit tun,
ist Arbeit. „Da werden viel Fleiß und
Disziplin abverlangt.“ Die wöchentlichen
Probenabende, die Chorwochenenden und zusätzlichen
Treffen des Ensembles, wenn es große Konzerte
vorzubereiten gilt, kosten Zeit und Kraft. „Aber
es macht auch riesigen Spaß“, sagt Felicitas
Richter mit einem strahlenden Lächeln und
erzählt von den Freundschaften, die entstanden
sind; von der Freude am gemeinsamen Singen, vom
Glücksgefühl nach erfolgreichen
Konzerten, die nicht nur das Publikum begeisterten.
Erfüllung findet sie auch in der Arbeit als
Standesbeamtin. Nachdem sie noch einmal die Schulbank
drückte und die notwendige Qualifikation erlangte,
hat sie mittlerweile 47 Paare getraut. „Da ist keine
Routine dabei. Es ist immer wieder schön und
neu und aufregend.“ Sie findet die richtigen Worte, gibt
den zumeist jungen Leuten das Gefühl, auf einem
guten Weg zu sein, ermuntert und ermutigt, scherzt auch
gern und entkrampft auf diese Weise manche
Situation. Das speist sich vielleicht aus dem eigenen
Glück. Ihren Mann, Thomas Richter, hat sie damals,
in den Neunzigern, in der Arche kennen gelernt, als die
Freimaurer die Räumlichkeiten nutzten. Mittlerweile
haben die beiden ihren 17. Hochzeitstag gefeiert. Und
nichts bereut. Die Kinder, vor der Wende geboren, sind
lange schon aus dem Haus und haben selbst Kinder. Sie
hat sie gern um sich. Aber sie zieht sich ebenso
gern zurück, mag die Ruhe, wenn sie ein Buch lesen,
Klavier spielen, Musik hören oder mit ihrem Mann
ausgedehnte Spaziergänge und Radtouren unternehmen
kann.
|

|